Einschätzung der Selbstständigkeit eines Mitarbeiters in einer Situation

Bei der Diagnose geht es nie darum, eine Person einem bestimmten Selbstständigkeitstyp zuzuordnen. Es gibt keinen S1- oder S4-Typ, einen der nichts kann oder alles. Das wäre zu einfach gedacht. Die Diagnose bezieht sich immer auf eine ganz bestimmte und definierte Tätigkeit, Aufgabe, einen Ablauf, Prozess, eine Funktion oder einen Job. Es ist ein natürliches Phänomen, Menschen zu typisieren. Diese Typisierung hilft natürlich, leichter mit Menschen umzugehen. Sie bringt jedoch kein aktives Umgehen mit dem Mitarbeiter an sich. „Aktives Führen“ will die Präzisierung der Situation und damit das Führungsverhalten des Vorgesetzten bestimmen. Die Selbstständigkeit variiert immer von einer Aufgabe zur anderen, von einer Sekunde zur nächsten. Sowie es um ein anderes Thema oder eine andere zu lösende Aufgabe geht, muss eine neue Diagnose erstellt werden. Z. B. variiert die Selbstständigkeit bei der spezifischen Aufgabe „Vor einer neuen Gruppe sprechen“ stark. Wenn ein Gruppenleiter vor seinen Mitarbeitern oder einer Projektgruppe sprechen soll, ist das in der Regel etwas anderes, als den gleichen Vortrag vor einer Konzernleitung zu halten. Bei der Diagnose muss man also klar beobachten und nachdenken.

Im Folgenden finden Sie einige typische Alltagsprobleme und Beispiele für Selbstständigkeitsgrade:

  • Herr Jobai wurde aus einem Produktions- in einen Lagerbereich zwangsversetzt, er kennt diesen Bereich überhaupt nicht und zeigt sich unsicher: Er ist garantiert sehr unselbstständig und im Bereich S1.
  • Herr Ullmann ist für den neuen Marketingbereich vorgesehen. Er hat diese Aufgabe noch nie wahrgenommen (kann nicht), zeigt sich angesichts der neuen Aufgabe bereit und gleichzeitig unsicher: Er ist klar ein Grenzfall zwischen S1 und S2. Die Erfahrung spricht hier dafür, eher das Schlechtere zu unterstellen, also ihn als S1 einzuschätzen.
  • Eine Mitarbeiterin fragt häufig nach, obwohl sie Sachverhalte selber klären könnte. Dabei wirkt die Mitarbeiterin noch unsicher. Hier sollte trotzdem die schlechtere Einschätzung (kann nicht, ist unsicher und offensichtlich unwillig, die Aufgabe selber zu lösen, also S1) erfolgen. Wenn jemand seine Aufgabe nicht löst und bestimmte Verhaltensweisen nicht mehr zeigt (Aufgabe selber klären), heißt es kritisch werden. Es droht eine Fehldiagnose, die auf einer Vermutung basiert.
  • Die Geschäftsleitungssitzung am Montagvormittag ist offensichtlich schlecht geführt. Der Chef scheint Besprechungen nicht führen zu können, ist aber für eine Verbesserung motiviert. Das deutet klar auf eine niedrige Selbstständigkeit (S2) hin. Wenn jemand eine hohe Führungsposition einnimmt, bedeutet das eben noch lange nicht, dass er alle ihm gestellten Aufgaben auch bewältigen kann und will, also S4 ist.
  • Das neu eingeführte und jetzt funktionierende Produktionsplanungssystem wird durch Schnellschüsse unterschiedlicher Wichtigkeiten in der Terminkoordination besonders vom Betriebsleiter gestört. An sich kann er die Termine koordinieren, aber irgendwie ist er mit der Einführung der neuen Applikation nicht einverstanden und funkt dazwischen (S3).
  • Frau Hoffmann, eine wichtige Gruppenchefin, setzt sich zu wenig bei ihren Mitarbeitern durch. Sie könnte es wohl, weil sie es in der Vergangenheit auch leistete. Allerdings ist sie jetzt verunsichert, das heißt im Selbstständigkeitsgrad S3 (kann und will nicht / ist verunsichert).
  • Die Regeln der Gleitzeit sind erst vor Kurzem erläutert worden und die Mitarbeiter wenden sie erfolgreich an (S4). Wenn Stempelregeln nicht eingehalten werden, liegt Unwilligkeit vor: S3.

Die Kombination aus Können und Wollen/Sicherheit zeigt sofort die Selbstständigkeit des Mitarbeiters für eindeutig definierte Aufgaben. Ihr Urteil soll dabei auf eindeutig beobachtbares Verhalten gerichtet werden. Üben Sie dies immer wieder; Sie werden immer besser darin werden!

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