3.1. Typische Probleme & Lösungen

Selbstverständlich stellt die neue frage-befreite Ausdrucksweise eine Herausforderung dar.
Hier einige Tipps zu typischen Problemen:

Ich fühle mich unsicher

Wenn Sie beginnen, vermehrt in Aussagesätzen zu sprechen, ist das ungewohnt und Sie fühlen sich anfangs vermutlich unsicher. Deshalb kann es Ihnen passieren, dass – entgegen aller guten Absicht – Ihre Stimme am Satzende nach oben geht. Dann wirkt sie doch noch wie eine Frage mit all den Folgen, die Fragen mit sich bringen. Denn eine Frage ist nicht nur eine Bitte um Antwort. Die Redewendung etwas infrage stellen verdeutlicht, dass eine Frage auch Zweifel transportiert. Und dieser unausgesprochene Zweifel rüttelt an der Sicherheit Ihres Gesprächspartners. Mit Aussagesätzen schützen Sie die Sicherheit Ihres Gesprächspartners. Die Folge ist, dass er versucht, bei Ihnen mit weiteren Erklärungen noch mehr Verständnis zu finden. Was kann Ihnen Besseres widerfahren?

Es fällt mir schwer, auf Fragen zu verzichten

Nun kostet das Sagen, also die nicht-fragende Selbstmitteilung, Überwindung. Jede persönliche Stellungnahme scheint ein gewisses Wagnis zu sein – und geht mit Ungewissheit einher, wie der andere darauf reagieren wird. Sind Sie bei einer Äußerung unsicher, neigen Sie dazu, die Stimme trotz Aussagemodus anzuheben. Und prompt hört der andere nicht nur den Frageton, sondern auch Ihren Zweifel. Aus dem gutgemeinten „Du bist gerade sauer.“ wird mit ansteigender Stimme doch wieder eine Frage – mit all den bereits beschriebenen Konsequenzen aufseiten Ihres Gesprächspartners. Indem Sie so oft wie möglich Feststellungen treffen, die so beiläufig wie irgend möglich klingen, entwickeln Sie die nötige Routine. Am Anfang kann es hilfreich sein, Ihre Sätze mit folgenden Wendungen einzuleiten:

  • „Ich bemerke gerade, dass …- (z.B.) meine Absage Sie schwer enttäuscht.“
  • „Mir fällt gerade auf, wie …- (z.B.) sehr ich Sie mit meiner Entscheidung verärgere.“
  • „Ich sehe/höre, dass …- (z.B.) meine Ausführungen Sie verunsichert haben.“
  • „Mich beschäftigt, wie … (z.B.) sehr ich Sie mit meiner Äußerung erschreckt habe.“
  • „Ich erfasse gerade, dass …- (z.B.) ich Sie mit meiner Bitte in Bedrängnis bringe.“
  • „Sie klingen … (z.B.) gerade fürchterlich sauer.“
  • „Sie hören sich … (z.B.) sehr skeptisch an, irgendetwas lässt Sie zweifeln.“

Es kann für Sie am Anfang eine große Hilfe sein, wenn Sie sich selbst einmal hören und kontrollieren, wie gut es Ihnen gelingt, die Stimme am Satzende zu senken und den Tonfall der Beiläufigkeit zu praktizieren. Eine Tonaufnahme ist eine unbestechliche Rückmeldung. Dadurch gewinnen Sie rasch die nötige Sicherheit, alte Automatismen abzulegen und Ihre Feststellungen in ruhiger Selbstverständlichkeit zu äußern. 

Mir fehlt es bei meinen Aussagen an Selbstverständlichkeit

Sie haben hier mehrfach gelesen, dass die Wirkung dieser Vorgehensweise von Ihrem Tonfall bestimmt wird, mit dem Sie ausdrücken, wie selbstverständlich Ihnen das ist, was Sie gerade beim Gegenüber bemerken. Dazu gehört auch, sich umgangssprachlich auszudrücken und sich am Sprachniveau des Gegenübers zu orientieren. Die Formulierung „Das erzeugt jetzt eine große Empörung bei Ihnen“ mag stilistisch korrekt sein, wirkt aber steif und befremdlich; ein trockenes „Das stinkt Ihnen jetzt.“ wirkt dagegen spontan und unaufgesetzt. Um zu vermeiden, dass sich Ihre Gesprächspartner darüber Gedanken machen, was Sie wohl mit Ihrer Äußerung meinen, sprechen Sie in der Sprache des Gegenübers. Auch wer üblicherweise Dialekt spricht, weiß, wie die eigene Spontaneität leidet, wenn er sich in der Hochsprache verständlich machen soll. Wer so spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, neigt eher dazu, spontan zu reagieren und unbefangen seine Gedanken zu äußern. 

Ich neige zur Bagatellisierung

Verunsicherte Menschen tendieren dazu, ihre Äußerungen durch abschwächende Formulierungen und Konjunktive weniger angreifbar zu machen. Wer seine ersten Versuche mit der fragefreien Vorgehensweise startet, formuliert bei einem entrüsteten Gegenüber womöglich: „Ich könnte mir vorstellen, dass Sie im Moment vielleicht ein klein wenig erbost sind.“ Doch dadurch fühlt sich der Gesprächspartner in seiner Empörung nicht ernst genommen – und er spürt Ihre Unsicherheit, die sich prompt auf ihn überträgt und den weiteren Dialog beeinträchtigt. 

Es mag anfangs Überwindung kosten, beim Ansprechen von Emotionen Klartext zu reden – durch die Reaktionen Ihrer Gesprächspartner gewinnen Sie jedoch schnell an Sicherheit. Übertreiben Sie lieber, statt abzuschwächen. Wenn Sie sagen „Sie könnten platzen vor Wut.“, dann treffen Sie entweder ins Schwarze und der andere fährt fort, z. B. so: „Das kann man wohl sagen. Ich bin am Ende und verliere gleich meine Selbstbeherrschung.“ Oder, und das passiert viel häufiger, der andere korrigiert die Übertreibung und erklärt, wie ihm tatsächlich zumute ist, beispielsweise: „Nein, so schlimm ist es zum Glück nicht, aber ich bin schon ziemlich sauer, weil…“

Die folgenden, direkt gegenüber gestellten Beispiele mögen Ihnen dabei helfen, ganz unbekümmert zur Übertreibung zu greifen und auf abschwächende Formeln zu verzichten.


„Ich glaube, ich habe Sie gerade fürchterlich erschreckt.“„Das enttäuscht Sie gerade total.“
„Dieses Hin und Her bringt dich total durcheinander.“„Sie klingen total frustriert und haben irgendwie auch resigniert.“„Oh, wie peinlich. Diese öffentliche Kritik muss ja beschämend gewesen sein.“„Du bist schwer frustriert und fühlst dich regelrecht ausgenutzt.“

„Vielleicht sind Sie jetzt ein wenig erstaunt.“
„Irgendwie scheint Ihnen das nicht ganz zuzusagen.“„Die mangelnde Klarheit ist ein bisschen verwirrend.“„Sie klingen etwas unzufrieden und haben nicht allzu große Hoffnung.“„Diese Kritik war vermutlich eher unangenehm.“„Der fehlende Dank stört dich.“

Wenn Sie Ihrem Gesprächspartner den stärkeren Gefühlsausdruck anbieten, geben Sie ihm gleichzeitig die Freiheit, diese Emotion gegebenenfalls auszuleben. Das mag für Sie zwar im ersten Moment unangenehm sein, weil negative Gefühle doch auch für Sie eine Belastung darstellen. Doch Sie demonstrieren damit emotionale Souveränität. Sie erlauben Ihrem Gegenüber, seine heftigen Gefühle zu zeigen, ohne dafür kritisiert oder sonst wie zurechtgewiesen zu werden. Paradoxerweise erzielen Sie dadurch eine Kontrolle, denn ausgelebte Gefühle verflüchtigen sich rasch, während unterdrückte Gefühle ein Eigenleben entwickeln und sich früher oder später unkontrolliert und untergründig äußern.

Die Wörter Verständnis und Einverständnis liegen nahe beieinander. Dies erklärt die verbreiteten Vorbehalte dagegen, Verständnis zu zeigen, weil dies als Einverständnis missdeutet werden könnte. Doch so, wie Sie etwas gut finden können, ohne es wirklich zu verstehen, können Sie auch etwas ablehnen, obgleich Sie es verstehen. Mit anderen Worten: Sie müssen weder die abweisende Haltung noch die negativen Gefühle Ihres Gesprächspartners gut finden und doch können Sie Verständnis dafür aufbringen, dass dem anderen nun mal in diesem Moment so zumute ist. In vielen Fällen mag es Ihnen sogar unverständlich sein, warum sich jemand fürchterlich aufregt oder etwas verschmäht. Wenn es Ihnen gelingt, Einschätzungen und Haltungen als gegeben zu akzeptieren, so laden Sie Ihr Gegenüber dazu ein, sich und seine Haltung zu erklären. Das hilft Ihnen, den anderen besser zu verstehen, ohne in der Sache nachzugeben. So können Sie beispielsweise die Unlust eines Mitarbeiters, eine unangenehme Arbeit fertigzustellen, ernst nehmen und dafür Verständnis zeigen, aber gleichzeitig deutlich machen, dass Sie mit der fristgerechten Fertigstellung rechnen.

Die Reaktionen meiner Gesprächspartner widersprechen meinen Erwartungen

Zweifellos stellt es eine Herausforderung dar, wenn Reaktionen völlig unerwartet ausfallen, womöglich sogar Ihren Plänen entgegenstehen. Doch ehrliche Aussagen sind besser als unausgesprochene Gedanken gleichen Inhalts. Ihr Gegenüber möchte immer ernst genommen werden und fordert darum zu Recht, dass Sie auf das eingehen, was er gerade äußert. In der Konsequenz kann dies bedeuten, in solchen Fällen auf entrüstete, von Ihrem Gegenüber ja auch gar nicht eingeforderte Erklärungen zu verzichten, und dem anderen für weitere Ausführungen Raum zu geben.